Reise in ein fernes und gleichzeitig bekanntes Land

Eine Osterfahrt lässt uns über unseren Platz im vereinten Europa nachdenken

Karfreitag um 14 Uhr fahren wir mit dem Wohnmobil endlich los.

Wir, das sind Gerd, mein Mann, ich selbst und unser schwarzer Mittelschnauzer Fritz. Wobei wir nicht bedacht haben, dass viele andere Mitbürger auch unterwegs sind und ebenfalls nur raus wollen.

Startpunkt unserer Reise ist Bad Orb in Hessen. Wir haben dort seit Sommer letzten Jahres unseren Hauptwohnsitz und machen jetzt für mehrere Wochen Urlaub, um die Familie und Freunde zu besuchen und einige wichtige Dinge zu erledigen.

Unser Osterziel war die Frankentherme in Bad Königshofen, mit angeschlossenem Stellplatz für Wohnmobile. Die Reise ist wunderschön, das Land wird langsam grün und bunt und die Sonne strahlt vom Himmel. Das ist die eine Sicht der Dinge.

Andrerseits hat die Reise etwas Unwirkliches für uns, weil wir zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder im Frühling ganz gemütlich durch Deutschland fahren. Was uns beide verwundert: Wir erleben den Spessart und die Rhön in der Mitte Deutschlands wie durch einen Filter; wie ein fernes und gleichzeitig bekanntes Land.

Seit wir mit Deutschland und Spanien zwei Heimatländer haben, ändert sich ganz offensichtlich unsere Sicht der Dinge. Wir sind da, aber doch nur teilweise anwesend. Wir stellen fest, dass auch wir uns verändert haben.

Seit gut drei Jahren leben wir nur noch zeitweise in Deutschland, weil wir in Busot/Alicante ein schönes Haus mit Garten und Pool besitzen. So haben wir für unsere Reisen durch Europa – mit Bad Orb und Busot – zwei ideale Ausgangspunkte und in Spanien einen echten Rückzugsort, an dem wir in Ruhe leben und arbeiten können.

Das Klima an der Costa Blanca, der südlichen, spanischen Mittelmeerküste, ist mild und tut der Seele gut. Die Sonne scheint fast das ganze Jahr und die Spanier sind freundliche, tolerante Menschen. In ihrer Geschichte haben sie schon so viele fremde Völker kommen und gehen gesehen, dass sie mit dem Andersseinvon Menschenirgendwie besser umgehen als wir Deutsche.

Natürlich sind wir Deutsche, weil wir unser ganzes Leben in Deutschland verbracht haben. Wir haben getan, was wir konnten, um unserem Land zu dienen. Um so erstaunlicher war für uns das Erlebnis an Karfreitag auf dem Stellplatz der Frankentherme:

Fast alle Plätze waren belegt und die Stimmung ist mehr als distanziert, beinahe schon feindselig, weil unser Wohnmobil ein spanisches Kennzeichen hat ?

Oder weil wir mit den Wohnmobilbesitzern aus ganz Deutschland um den knappen Platz zu konkurrieren scheinen. Nach fünf Minuten räumen wir das Feld.

Unser Fazit: Halb gehören wir noch dazu, fühlen uns wohl hier und sprechen die gleiche Sprache wie die Menschen um uns herum. Halb fühlen wir uns schon als Gäste und freuen uns an diesem Karfreitag, dass wir – zusammen mit Fritz – schon bald wieder nach Hause, nach Spanien fahren werden.

Wo sind wir Zuhause? Wo wir immer gelebt haben? Wo wir uns wohlfühlen und dazu gehören, ohne uns groß rechtfertigen zu müssen? Wo wir gerade sind, in Europa, um möglichst viel zu sehen, zu erleben und zu beobachten.

Die Frage bleibt vorerst noch unbeantwortet, weil die Realität äußerst vielschichtig ist. Unser Quartier in Bad Orb ist große Klasse. Nach einem ruppigen aber doch sehr freundlichen Empfang, gehören wir auf der täglichen Hundestrecke schon dazu und fühlen uns am neuen Ort sehr wohl.

So werden wir nun weiter uns und die Anderen beobachten und auf unseren Reisen weiter dem Phänomen nachspüren, wie es ist, an mehreren Orten in diesem vereinten Europa Zuhause zu sein.

Brigitte VEIT
Ostern, 22.April 2019

Schreibe einen Kommentar